Im Landhaus können wieder Zimmer gebucht werden. Das Schulungs- und Arbeitszentrum für Behinderte hat den Betrieb übernommen – und führt ihn digital.

Thomas Wyss tippt auf seinem Smartphone eine Nummer ein, dann summt die Tür vor ihm leise. Er drückt die Klinke herunter und betritt das Zimmer. Hier haben letzte Nacht zwei Gäste übernachtet, ihre leeren Kaffeetassen stehen auf einem Tisch am Fenster. Seit Anfang Mai ist das Hotel Landhaus in Burgdorf wieder offen.

Übernommen hat den Betrieb das Schulungs- und Arbeitszentrum für Behinderte (SAZ). Thomas Wyss leitet innerhalb der Institution den Bereich Infrastruktur und Gastronomie.

Er ist zuständig für das Projekt und stellte dafür ein Team zusammen. Bisher war das SAZ nicht in der Hotellerie tätig. «Wir freuen uns deshalb, unseren Mitarbeitenden und Lernenden einen weiteren Arbeitsplatz anbieten zu können», sagt Wyss.

Einchecken mit dem Handy

Das geschichtsträchtige Haus am Fusse des Burgdorfer Schlosshügels gehört der Rona Gastro AG; sie verpachtet sowohl das Restaurant als auch das Hotel. Seit dem Beginn der Pandemie war der Hotelbereich für die Öffentlichkeit geschlossen.

Nachdem die Zimmer renoviert worden waren, konnte das SAZ sie jedoch für Personen gebrauchen, die wegen der Sanierung des Wohnheims Sonnenmatte eine temporäre Unterkunft suchten.

Das SAZ war also bereits in Kontakt mit dem Besitzer der Liegenschaft. «So ist die Idee entstanden, das Hotel zu übernehmen», sagt Wyss.

 

Das Zimmer mit Aussicht auf die Burgdorfer Flühe riecht nach Holz, an der Wand hängt ein schwarzweisses Bild – ein Ausschnitt aus einem Gotthelf-Film. Der Raum ist schlicht und modern eingerichtet, doch die ursprüngliche Baustruktur des Hauses bleibt erhalten.

Seit der Eröffnung des Hotels sind Mitarbeitende des SAZ hier tätig. Sie reinigen Zimmer, verwalten die Liegenschaft, waschen die Wäsche, bereiten Frühstücksboxen vor. Thomas Wyss schliesst die Zimmertür hinter sich.

«Sobald alles parat ist für die nächsten Gäste, kann unser Team das Zimmer auf dem iPad freigeben», erklärt er. Im Hotel ist es ruhig, auch die Réception ist verlassen. Denn: Das Concept Hotel Landhaus funktioniert vorwiegend digital.

Sobald jemand eines der zwölf Zimmer bucht, erhält die Person eine E-Mail. Anhand eines Knopfdrucks kann sie digital einchecken und erhält vor der Ankunft einen Zugangslink für die Eingangstür und das gebuchte Zimmer.

Die Technologie funktioniert ähnlich wie digitale Bezahlungsmittel: Wie bei Twint oder Apple Pay hält der Gast sein Handy an ein Lesegerät. Die Tür öffnet automatisch. Sobald der Aufenthalt im Hotel zu Ende ist, läuft der digitale Ausweis ab.

Wer ein Frühstück gebucht hat, kann am Morgen in einem Gestell im Gang eine Box mit Gipfeli, Brot, Frucht, Fruchtsaft und Kaffeekapseln abholen. Am Wochenende sowie an Feiertagen erhalten die Hotelgäste einen Gutschein für die Bäckerei Flury.

Geschäftsleute und Touristen

Auf dem Tresen der Réception steht ein Telefon. Es ist nicht etwa für die Mitarbeitenden, sondern für Besucherinnen und Besucher, die digital weniger bewandert sind. Sie können hier beispielsweise eine Notfallnummer oder die Zentrale des SAZ wählen. Auch in der Nacht ist stets jemand erreichbar, das SAZ arbeitet für diesen Dienst mit einem Unternehmen zusammen, das ebenfalls in der Hotellerie zuständig ist.

«Wir haben auch schon Buchungsanfragen von Personen erhalten, die kein Handy besitzen», sagt Thomas Wyss. Das SAZ wolle diese nicht ausschliessen und übergebe ihnen jeweils vor Ort einen handfesten Badge für den Eingang und das Hotelzimmer.

Die Mitarbeitenden sind also nur vor Ort, wenn es sie tatsächlich braucht. Das digitale Konzept sei für das SAZ eine neue Herausforderung. Gleichzeitig findet Wyss: «So wird die Hotellerie in Zukunft funktionieren.»

Vor der Eröffnung rechnete er vor allem mit Buchungen von Geschäftsleuten und Personen, die auf der Herzroute unterwegs sind. Für Letztere gibt es im Hotel deshalb Ladestationen für E-Bikes und einen Unterstand vor dem Gebäude. In den ersten Tagen seien aber auch viele Anfragen von Familien eingegangen, sagt Wyss, was ihn positiv überrascht habe.

Im ersten Stock des Landhauses befindet sich ein Saal, auch er gehört zum Hotelbereich. Das SAZ vermietet ihn für Anlässe, an Vereine zum Beispiel. Auch Caterings sind im Raum angedacht. Nur für das Restaurant im Erdgeschoss ist das SAZ nicht zuständig.

Restaurant geht im Sommer wieder auf

Von 2021 bis Anfang 2024 servierte die Stiftung Intact dort fünf Tage die Woche Menüs. Anfang Jahr gab die Burgdorfer Institution aber bekannt, dass sie sich aus dem Landhaus zurückziehe.

Der Grund: Die Stiftung richtet sich neu aus und fokussiert vermehrt auf die Vermittlung von langzeitarbeitslosen Personen. Momentan ist das Restaurant noch geschlossen, im Juni soll es wieder öffnen.

Wer dort künftig kocht, wird laut Werner Zahnd – Liegenschaftsbesitzer und Verwaltungsrat der Rona Gastro AG – in den nächsten Wochen kommuniziert.

«Wir freuen uns, dass im Landhaus jetzt wieder Leben einkehrt», sagt Thomas Wyss. Es ist das erste digitale Hotel im Emmental – und eines der ersten, das Menschen mit Beeinträchtigungen einstellt. Das SAZ hoffe, damit auch andere Betriebe zu mehr Inklusivität zu inspirieren. Bereits seit mehreren Jahren arbeiten im Hotel Orchidee in der Burgdorfer Oberstadt Menschen mit Beeinträchtigung; es wird von der Stiftung Lebensart in Bärau betrieben.

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